2.
Potsdamer Literaturnacht am Neuen Palais
Die
Autoren
Bodo
Morshäuser
«Interessant
wäre eine Geschichte des Niegesagten», heisst es einmal bei Bodo Morshäuser.
«Jeder Mensch trägt Wissen herum, das er nicht weitererzählt ... Nur
könnte dieses Werk niemals nur ein Mensch schreiben. Man könnte ihn
wohl ... nur denken: den Gesellschaftsroman in dem Sinne, dass die ganze
Gesellschaft an ihm mitgeschrieben hat» Literatur als Utopie einer
Sammlung aller unsichtbaren Geschichten, denen sich die Gesellschaft
nicht (mehr) stellt. Diese Vision stammt nicht nur aus Morshäusers
letztem Buch, sie beschreibt auch seinen Anspruch, sich durch das eigene
Schreiben den Themen zu stellen, die aus dem Licht der Öffentlichkeit
verschwunden sind, verdrängt wurden. Als Bodo Morshäuser 1988 begann,
sich durch intensive Recherchen dem Thema Rechtsradikalismus zu nähern,
waren Skinheads, Nazischläger und Ausländerhass nicht Vokabeln der öffentlichen
Diskussion. Man hätte meinen können, es gebe sie gar nicht. In dieser
Phase rückt auch die Beschäftigung mit Deutschland sowie mit Hate
Crime -aus Hass begangene Verbrechen- ins Zentrum seiner literarischen
Produktion. Zwischen 1992 und 1995 entstehen so Bücher wie Hauptsache
Deutsch, Warten auf den Führer, Der weiße Wannsee und der Roman Tod in
New York, mit denen sich Morshäuser als politischer Schriftsteller
einen Namen macht. Ende der neunziger Jahre begibt er sich an ein
Romankonzept, das er seit zehn Jahren schon in der Schublade liegen hat.
Er wollte, aber konnte dieses Buch nicht vorher schreiben und beginnt es
schliesslich Anfang 1999. “Man kann nur solche Bücher schreiben, die
unbedingt nötig sind oder solche, die einem zu bestimmter Zeit möglich
sind”, sagt Morshäuser und ergänzt, “manchmal muss man sie
erwischen, einfangen.” So beginnt mit In seinen Armen das Kind die
dritte Phase seiner schriftstellerischen Arbeit, die er beschreibt als
“eine Zeit des Ich-wie-Wir-Erzählens in verschiedenen Welten”. Das
Buch erzählt die Geschichte um den einstigen Kultschauspieler und
“Nach 68-er” Maik Steiner, der sich auf die Suche nach seiner
Ex-Frau Vera und dem gemeinsamen Sohn in eine fränkischen Landkommune
begibt und beide dort wiederzufinden hofft. Doch hier gelten andere
Gesetze: Gehirnwäsche, sexuelle Ausbeutung und Kinderarbeit. Vera ist
mittlerweile versunken im System der Aussteigersekte, doch den Sohn kann
der verzweifelte und drogensüchtige Vater nicht finden. Auf der
Literaturnacht wird Bodo Morshäuser diesen Roman sowie Ausschnitte
aus seinem weiteren Werk vorstellen.
Bodo
Morshäuser, geboren 1953 in Berlin (West), lebt und arbeitet dort. Seit
1975 freiberufliche Arbeit als Autor und Journalist sowie zeitweise als
Regisseur und Moderator. Zwischen 1983 und 1988 erschienen die Erzählungen
und Erzählungsbände Die
Berliner Simulation, Blende, Nervöse Leser und Revolver. 1993 veröffentlichte
er Der weiße Wannsee. Ein Rausch, eine Erzählung über den
ersten Sommer nach der deutschen Einheit; 1995 den Roman Tod in New
York City, der das Thema Rechtsextremismus unter dem Aspekt Hate
Crime aufnimmt. Es folgen der poetische Berlin- Text Gezielte Blicke
und 1998 die Prosasammlung Liebeserklärung an eine hässliche
Stadt. Berliner Gefühle. 2002 erschien sein neuester Roman, In
seinen Armen das Kind.
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