2.
Potsdamer Literaturnacht am Neuen Palais
Die
Autoren
Steffen
Kopetzky
"Wir
betreten die Bahnhöfe: fast immer in der Stadtmitte gelegen, an ihren
Vorderseiten kolossal den großen Boulevards geöffnet, Einfallstore in
eine Welt aus Fahrplänen und Destinationen."
So
beginnt Steffen Kopetzkys dritter Roman "Grand Tour oder die Nacht
der großen Complication", ein luxuriöses Opus von über 700
Seiten, verzweigt, weitläufig und bunt. Die Grundfarben dieses Erzählprojekts
sind Abenteuer und Sehnsucht, gespickt mit Verbrechen und geradezu
endlosen Reisen im Nachtzug kreuz und quer über das europäische
Schienennetz.
Der
Roman lebt von einer Fülle an Figuren, die sich dem Leser offenbaren
und ihn ein Stück weit auf seiner Reise begleiten, jede einzelne
verwoben in ein Netz aus Beziehungen, Zeit und Zufällen. Nicht nur die
Wege der beiden Protagonisten Leo Pardell, einem gescheiterten
Architekturstudenten, und Friedrich Jasper von Reichhausen, einem
fanatischen Uhrensammler, kreuzen sich. Ihre Geschichten stehen
stellvertretend für eine aussterbende Spezies von Reisenden, die über
große Entfernungen lange Stunden vor der Kulisse des Lebens im Nachtzug
verbringen. In diesem Raum bewegt sich die Existenz des jungen Leo
Pardells, der eigentlich ein Jahr in Buenos Aires verbringen wollte,
jedoch Betrügern zum Opfer fällt und seine mißliche Lage vor seiner
Mutter und der Ex-Geliebten zu verbergen sucht. Er heuert auf einem
Nachtzug an und begegnet während seiner Touren durch das nächtliche
Europa den merkwürdigsten Existenzen des fahrenden Volkes. Antithetisch
und simultan verläuft die Geschichte des Nachlaßverwalters und
Uhrensammlers Friedrich von Reichhausen, der auf der Spur der mythischen
Uhr "Ziffer à Grand Complication 1924" ist. Er jagt diesem
technischen Wunderwerk mit Jahrtausendanzeige hinterher, um es in seinen
Besitz zu bringen. Über Haupt- und Nebenstrecken erleben beide
Hauptfiguren in diesem Schienenkosmos persönliche Verwandlungen und
Geheimnisse ihrer Existenz.
Wo
liegen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion? Steffen Kopetzky
versteht sich meisterlich auf die Kunst, eigene Erfahrungen als
Nachtzugschaffner mit komplexen Erzählsträngen zu verknüpfen, der
Geschichte aber eine eigene Identität und klare Stimme zu verleihen:
Ihre Sprache lebt von liebevoller Genauigkeit in der Erklärung
"faszinierender und welthaltiger Dinge", ohne dabei die
Ironiefähigkeit zu verlieren. Kopetzkys dramaturgische Finessen zeigen
sich in der Komposition eines solchen Erweckungs- und Entwicklungsromans
wie "Grand Tour", der sich auch und vor allem durch seine Erzählzeit
und seinen Umfang eine Berechtigung verdient.
"Zwischen
den Städten entsteht eine merkwürdige Intimität und Verbundenheit,
wenn man sie mit dem Schlafwagen bereist. Langsam sickert die Entfernung
in unsere Träume [...] Derart aus einem fahrenden Schlafwagenabteil
blickend, verwandelt sich noch jede Vorstadttristesse in etwas Schönes
und Kostbares, in die sinnliche Gewißheit, daß das Leben ein Geschenk
ist und das Reisen manchmal der Weg, dies zu erfahren und für einen
langen, glühend-nächtlichen Augenblick ganz einfach und unmittelbar
begreifen zu können."
Auf
der Literaturnacht stellt Steffen Kopetzky Ausschnitte aus seinem Werk
vor.
Steffen
Kopetzky, geboren 1971 in Pfaffenhofen a.d. Ilm (Oberbayern) lebt heute
in Berlin. Bis 1994 studierte er Philosophie und Romanistik in München.
Romane
und Theaterstücke:
Eine
uneigentliche Reise (1997)
Einbruch und Wahn (1998)
Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication (2002)
"Zuverlässiger Bericht über die Schlaflosigkeit", UA 1999
Baden-Baden
"Herr Krampas: Auftauchend", UA 1999 Pfalztheater
Kaiserslautern
"Zeuge stirb" (Opernlibretto), UA 2000 Oper Bonn
"Nacht der Fliege", UA 2000 Staatstheater Hannover
"Kino", UA 2001 Thalia Theater Hamburg
Hörspiele,
Features und Radioessays für WDR, SFB und NDR, u. a.
Die
Entdeckung der Pyramiden (SFB, 1995)
Schlafwagen nach Florenz (SFB, 1995)
Ein Smoking für Pavarotti (SFB, 1996)
Sieben Träume von Annabelle (Prosa für Kinder, SFB/NDR/WDR, 1997)
Der installierte Klang (SFB, 1996)
Nachtkonzert und Sternenstaub - Reisen auf einem öffentlich-rechtlichen
Kontinent (SFB, Juni 1997)
Auszeichnungen/Ehrungen/Preise
(Auswahl):
Ingeborg-Bachmann-Preis
1997
Magnus-Preis der ARD
Preis des Landes Kärnten in Klagenfurt
1998 eingeladen zu den Autorentagen in Hannover und zum Berliner Stückemarkt
Carolinenpreis für Journalismus
Else-Lasker-Schüler-Preis für Dramatik für "Herr Krampas:
Auftauchend"
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